Berliner Wirtschaft Oktober 2025

E lektrizität wurde in der von Robert Otto am 5. April 1899 am Schiffbauerdamm gegründeten Fabrik nicht hergestellt, sondern elektrisch betriebene medizinische Geräte, die der „Gesundheit“ förderlich sein sollten, deshalb der lateinische Firmenname „Sanitas“. Elektromedizinische Geräte waren im ausgehenden 19. Jahrhundert sehr beliebt, ja, „in Mode“. Der „Radiostat“ von Sanitas etwa erzeugte in einer über den Körper zu streichenden Elektrode hochfrequente Ströme, die den Stoffwechsel anregen, die Blutfülle der Haut vermehren und wegen einer ihm nachgesagten antibakteriellen Wirkung auch Hautkrankheiten heilen sollte. Der „Vibrator“ von Sanitas wurde ganz ähnlich angewendet und massierte geplagte Glieder. Der Drahtkurzname „Vierzellenbad Berlin“ verweist auf hydroelektrische Bäder für Arme und Beine der Elektrotherapie, bei denen warmes Wasser den Strom leitet. Noch erfolgreicher war das Unternehmen, das 1912 in Wedding ein weitläufiges Werksgelände zwischen Müllerstraße und Turiner Straße bezog, mit seiner 1908 entwickelten „Heißluftdusche“. Das von einem zwei Kilogramm schweren ersten Modell weiterentwickelte Gerät konnte universell zur Trocknung von Haaren, Fell, Fotoplatten oder Wäsche sowie zur Heilung von Rheuma eingesetzt werden. Der Markenname „Fön“ leitete sich vom warmen Alpenwind Föhn ab – und es sah damals schon so aus wie heute. Bis zu 90 Grad heiß wurde das Gehäuse, das ab 1928 auch in einer Ausführung aus Phenoplast verfügbar war. Der Markenname wurde mit allen Mitteln verteidigt – alle anderen hatten nur „Haartrockner“, bis die AEG die Rechte in den 1920er-Jahren erwarb. Kulturell passte das handliche Gerät in dieser Zeit zu einer modebewussten Frau, die ihr Styling selbst in die Hand nehmen wollte. Die Herstellung von Röntgenapparaten wurde für Sanitas noch wichtiger. In den 1930er-Jahren beschäftigte die Sanitas mehr als 500 Menschen und hatte Niederlassungen auf der ganzen Welt. Während des Krieges zerstörten Bomben 75 Prozent der Produktionskapazität, doch konnte das Unternehmen nach der Wiedereintragung ins Handelsregister am 23. November 1945 schnell an die Vorkriegszeit anknüpfen – sowohl was die Produkte anbelangte als auch den Kundenstamm und die Vertriebsstruktur. Aber die Wettbewerber waren mit besseren Geräten zu niedrigeren Preisen auf den Markt, weshalb die Sanitas 1957 schließen musste – „mangels Masse“ sogar ohne Konkursverfahren. Damit endete die Röntgenproduktion in Berlin, die Reste gingen in der AEG auf. ■ Ob sein Einsatz gegen Rheuma hilft, bleibt fraglich – fest steht aber: Der erste Föhn stammt von der Berliner Elektrizitätsgesellschaft Sanitas von Björn Berghausen (BBWA) Alles heiße Luft Oben: Werbung für den Fön, der für Heilung sorgen sollte. Unten: Das Fabrikgelände der Sanitas in Wedding um 1930 Sanitas erfand auch den Namen „Fön“. In den 1920er-Jahren erwarb die AEG die Namensrechte Zugang zum Wirtschaftsarchiv Die Bestände des Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchivs (BBWA) können nach Vereinbarung eingesehen werden. Kontakt und Infos: bb-wa.de FOTOS: BBWA (2), DEUTSCHES TECHNIKMUSEUM Historie | 41 Berliner Wirtschaft 10 | 2025

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