Berliner Wirtschaft Oktober 2025

Vollgas mit angezogener Handbremse Berlin könnte nicht nur beim BIP, sondern auch mit einem funktionierenden Arbeitsmarkt glänzen – wenn die Politik auf Aktivierung statt auf Abgabe setzen würde B erlin überrascht. Während die deutsche Wirtschaft insgesamt schwächelt, legt die Hauptstadt überdurchschnittlich zu. Wachstum, Dynamik, neue Chancen – eigentlich beste Voraussetzungen für einen florierenden Arbeitsmarkt. Doch genau hier liegt das Problem: Die Wirtschaft zieht an, aber die passenden Fachkräfte fehlen. Die Zahlen sprechen für sich. Rund 21.000 offene Stellen listet die Arbeitsagentur auf, der IHK-Fach- und Arbeitskräftemonitor kommt sogar auf 45.000 – mehr als doppelt so viele. Und wer sucht, sucht lange: 147 Tage dauert es im Schnitt, bis eine Stelle besetzt wird. Vor einem Jahr lag dieser Wert noch gut zwei Monate darunter. Auseinanderdriften als Alarmsignal Berlins Betriebe wachsen, doch die Politik liefert nicht die Rahmenbedingungen, um Menschen in Arbeit zu bringen. Statt Entlastung zu schaffen, wird sogar eine Ausbildungsplatzumlage diskutiert – ein bürokratisches Monstrum, das Unternehmen bestraft, statt sie zu stärken. Ergebnis: mehr Papier, weniger Praxis. Ausbildungsbereitschaft wird so nicht gefördert, sondern ausgebremst. Gleichzeitig gibt es 68.000 Langzeitarbeitslose in Berlin. Ein Potenzial, das die Stadtwirtschaft dringend braucht, aber derzeit kaum mobilisiert. In einer Metropole, die wirtschaftlich wächst, können wir es uns schlicht nicht leisten, Menschen dauerhaft außen vor zu lassen. Es braucht schnellere Qualifizierung, gezieltere Vermittlung und einen echten Bürokratieabbau. Standortfrage statt Symboldebatte Das ist keine Detailfrage, sondern eine Standortfrage. Denn Wirtschaftswachstum allein reicht nicht. Es verpufft, wenn die passenden Fachkräfte fehlen. Berlin hat die Chance, nicht nur beim BIP zu glänzen, sondern auch mit einem funktionierenden Arbeitsmarkt. Dafür braucht es eine Politik, die auf Aktivierung statt Abgabe setzt, auf pragmatische Lösungen statt Symboldebatten. Nur dann wird aus Wachstum auch Wohlstand für die Stadt. Das Wachstum zeigt, was möglich ist. Die entscheidende Frage lautet: Was wäre noch möglich, wenn die Rahmenbedingungen endlich stimmen würden? ■ Meinung In der Kolumne „Auf den Punkt“ positionieren sich im monatlichen Wechsel Mitglieder des Präsidiums zu wirtschaftspolitischen Fragestellungen aus ihrer persönlichen Sicht. präsidiumsmitglieder beziehen stellung Nicole Korset-Ristic ist Vorständin bei der Bio Company SE und Vizepräsidentin der IHK Berlin FOTO: AMIN AKHTAR Auf den Punkt | 13 Berliner Wirtschaft 10 | 2025

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