Berliner Wirtschaft Oktober 2021

Vielzahl an Kooperationen über Staatsverträge geregelt. Dazu kommt der Anfang des Jahres von den beiden Bundesländern beschlossene ,Stra- tegische Gesamtrahmen Hauptstadtregion ‘ , der ebenfalls Einzelmaßnahmen der Zusammen- arbeit vorsieht.“ Nachdem über viele Jahre diese ersten Schritte zusammengekommen seien, sollte nun aber eine echte gemeinsame Entwicklung der Region angestrebt werden. Andere Regionen wie die Metropolregion Hamburg machten vor, wie ein strukturelles gemeinsames Vorgehen in der Entwicklung der Gesamtregion aussehen könne. Für Vagt steht fest: „In diesem Bereich kann der neue Senat echte wirtschaftspolitische Impulse für die Region setzen. Deshalb gehört die Ein- richtung eines gemeinsamen Metropolraum-Ma- nagements als unverzichtbarer Bestandteil in die Koalitionsvereinbarung des neuen Senats, gleich welcher Zusammensetzung.“ Für die Wirtschaft ist es vor dem Hinter- grund der wachsenden Verflechtung ein großes Anliegen, dass die Region auch gemeinschaftlich entwickelt wird. „Das betrifft zum Beispiel ganz unmittelbare Themen wie die Ansiedlungspoli- tik, die Verkehrspolitik, das Marketing für die Hauptstadtregion, eine gemeinsame Außenwirt- schaftspolitik oder eine funktionierende Infra- struktur“, heißt es in einer Stellungnahme zum „Strategischen Gesamtrahmen Hauptstadtre- gion“ der Industrie- und Handelskammern in Berlin und Brandenburg. Praxisbeispiele wie die Tesla-Ansiedlung zeigten deutlich die inhaltli- chen Anknüpfungspunkte – unter anderem die Verkehrsanbindung und den Fachkräftebedarf – sowie die dringenden praktischen Notwendig- keiten für eine Zusammenarbeit auf. Insbeson- dere Projekte von überregionaler Strahlkraft müssten länderübergreifend begleitet werden. Dabei gelte es vor allem die individuellen Stand- ortengpässe gemeinsam zu kompensieren und jeweilige Stärken zusammen auszuspielen. Mitarbeiter aus dem Umland Die Chancen der Metropolregion weiß auch Unternehmer Sven Fietkau zu schätzen. Im Jahr 2000 gründete er im brandenburgischen Velten ein Unternehmen, das Verstopfungen beseitigt, Rohre und Kanäle reinigt, Grundstücksentwäs- serungsanlagen inspiziert und einen Abschei- der-Service anbietet. 2005 kam ein Standort in Berlin hinzu, mittlerweile hat der Unternehmer alle Aktivitäten in Reinickendorf zusammenge- legt. „Wir profitieren mit dem Angebot unserer Dienstleistungen von dem großen Wirtschafts- raum, haben viele Mitarbeiter aus dem Umland gewonnen, auch weil wir in Velten gestartet waren, und beschäftigen immer noch zahlrei- che Pendler“, sagt der geschäftsführende Gesell- schafter der Run 24 GmbHmit heute 37 Mitarbei- tern. Doch die Liebe zu seiner Geburtsstadt wird manchmal auf eine harte Probe gestellt. Wenn Fietkau etwa an die Einführung des Internationa- len Frauentages als zusätzlichen Feiertag im Jahr 2019 denkt, kommt er immer noch richtig in Rage. Abweichende Feiertagsregelungen „Da werden Regelungen in den beiden Ländern getroffen, die Unternehmen den Alltag sehr erschweren“, klagt Fietkau. Brandenburg habe bereits den Reformationstag am 31. Oktober gehabt, den es in Berlin nicht als Feiertag gibt. „Jetzt hat man zwei Tage im Kalender, an denen nur jeweils eins der beiden Bundesländer freihat.“ Bei ihm führe das dann dazu, dass am 8. März, dem Frauentag, seine Beschäftigten in Berlin und die brandenburgischen Kunden nicht gleichzeitig freihätten. Diese brächten jedochwenig Verständ- nis dafür auf, wenn sie deshalb einen Notdienst bezahlen müssten. Ein noch viel größeres Prob- lem ergibt sich für den Unternehmer am Refor- mationstag. Dann haben die Brandenburger Kitas und Schulen dicht, aber die Mitarbeiter aus dem Umland müssen trotzdem zur Arbeit nach Reini- ckendorf pendeln. „Das führt bei uns regelmäßig zu großen Problemen.“ Für Peter Heydenbluth von der IHK Pots- dam steht deshalb fest: „Bei kaum einem Thema muss die Zusammenarbeit so schnell vorange- trieben werden wie bei der Verkehrs- und Flä- chenplanung. Knappe Wohn- und Gewerbeflä- chen in der Hauptstadtregion und der Ausbau der wichtigsten Verkehrsadern in der Region sind die größten Handlungsfelder.“ Immerhin wohnen in Berlin-Brandenburg fast sechs Millionen Men- schen. Eine halbe Million Unternehmen haben hier ihren Sitz. Aber zu viele Betriebe verließen derzeit Berlin, weil die Gewerbemieten zu hoch und die Immobilien so knapp seien. Sie kehr- ten der Hauptstadtregion damit komplett den Rücken. „Das muss nicht sein, denn Branden- burg hat noch Platz. Dazu muss man sich aber kooperativ abstimmen“, verdeutlicht der Potsda- mer IHK-Präsident. Ganz gelassen und sehr zufrieden mit sei- nem Doppelsitz in der Metropolregion gibt Roland Kurney CFO Takeda Pharma Vertrieb GmbH&Co. KG Der japanische Pharmakonzern ist länderübergreifend ansässig. Während in Berlin seit 2012 die Vertriebszentrale ihren Sitz hat, laufen im Werk in Oranienburg Tabletten von den Bändern. Das Unter- nehmen profitiert vom Gesundheitscluster und gut ausgebildeten Fachkräften. Roland Kurney Wir haben das Beste aus beiden Welten: Nähe zur Politik in Berlin und Flächen für Produktion in Brandenburg. » FOTO: CHRISTIAN KIELMANN Länderkooperation Berlin und Brandenburg haben Leitlinien für die Hauptstadtregion formuliert. Online zu finden unter: berlin-brandenburg. de/zusammenarbeit/ strategischer-gesamt- rahmen Die Stellungnahme der Kammern dazu unter: ihk-berlin.de/metropol- region SCHWERPUNKT | Metropolregion 24 IHK BERLIN  |  BERLINER WIRTSCHAFT 10 | 2021

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