Berliner Wirtschaft September 2021

Constanze Buchheim, hier im Gespräch mit Michael Gneuss, gehört laut „Han- delsblatt“zu den 50 einflussreichsten Frauen der deut- schen Tech-Bran- che. Das „Manager Magazin“ zahlte sie schon 2015 zu den 50 einflussreichsten Frauen der deut- schen Wirtschaft Julian Algner, IHK-Geschäftsfeld Wirtschaft & Politik Tel.: 030 / 315 10-373 julian.algner@ berlin.ihk.de mit einer Gehaltsforderung, die absolut stimmig ist mit der aktuellen Marktlage. Bei Frauen erlebe ich häufiger, dass sie entweder komplett drüber hinaus- schießen oder weit drunter bleiben. Wie können Ihrer Ansicht nach ambesten geeignete Auswahlprozesse für Führungspositionen organi- siert werden, ummehr Diversität ins Management zu bringen? Wir brauchen divers besetzte Gremien im Recrui- ting. Wenn solche Gremien die Führungspositionen vergeben, dann ist das auch der Schlüssel zu mehr Diversität und zumehr Frauen imTopmanagement. In einigen Unternehmen existieren solche speziel- len Gremien schon. Bisher entscheiden in der Regel die amtierenden Vorstandsmitglieder in Kombi- nation mit den Eigentümern beziehungsweise den Aufsichts- und Beiräten – meist alles Männer. Oft ist nicht einmal die Personalabteilung vertreten. So kann es keine Veränderungen geben. Wer setzt sich heute in den Unternehmen am meisten für Frauen ein? Frauen fördern Frauen ambesten. Das eben erwähnte Ähnlichkeitsmuster kann man nicht allein den Männern vorwerfen. Es ist ein menschliches Mus- ter und funktioniert in beide Richtungen. Weibli- che Entscheidungsträger wählen tendenziell mehr Frauen aus. Wenn es uns also gelingt, mehr Frauen in relevante Positionen zu bringen, hat das automa- tisch einen Effekt für die Zukunft. Aber es gibt auch Männer, die erkannt haben, welche Potenziale sich ergeben, wenn sie erfolgreich mit Frauen zusam- menarbeiten. Dieser Punkt liegt mir sogar beson- ders am Herzen. Warum? Wir sollten den Fokus nicht immer nur auf die Unter- nehmen richten, in denen Frauen in Führungsposi- tionen keine Chancen bekommen, und über Männer schimpfen, die dort die Verantwortung tragen. Ich würde lieber einmal positive Gegenbeispiele aufzei- gen und die Männer hervorheben, die sehr struktu- riert Frauenförderung betreiben. Die gibt es nämlich auch, und diese Männer sind damit sehr erfolgreich. Das sind tolle Storys, die zu einem Umdenken bei- tragen können. Sind Sie für Quotenregelungen? Ja, absolut. Ohne diesen Druck würde das Ähnlich- keitsprinzip immer wieder gewinnen. Wenn wir nicht ganz aggressiv eine Veränderung der Ausgangs- lage produzieren und dafür sorgen, dass mehr Frauen in Entscheidungsrollen kommen, werden wir keine Veränderungen sehen. Sobald wir eine Veränderung erzielt haben, können wir die Quote auch wieder abschaffen. Ich glaube, dass eines Tages auch ohne Quote ein dauerhaftes Gleichgewicht bestehen kann. Der Gesetzgeber hat beschlossen, dass in bestimm- ten größeren Unternehmen in Vorständenmit mehr als drei Mitgliedernmindestens eine Frau vertreten seinmuss. Reicht Ihnen dieser eine Sitz oder fordern Sie eine Quote von 50 Prozent? Eine Quote von 50 Prozent ist leider noch ein Traum. In vielen Firmen würde das zwar schon funktio- nieren. Aber in bestimmten Branchen geht das derzeit nicht, weil noch viel zu wenig Frauen mit einem technischen Bildungshintergrund in Füh- rungspositionen drängen. Ich glaube, dass wir den berühmt-berüchtigten Tipping Point, also denWen- depunkt, bei gut 30 Prozent erreicht haben. Wenn etwa ein Drittel der Führungspersönlichkeitenweib- lich sind und sich zudem einige Männer für mehr Geschlechter-Gerechtigkeit einsetzen, dann werden wir nachhaltig eine Veränderung erzielt haben. ■ 33 IHK BERLIN  |  BERLINER WIRTSCHAFT 09 | 2021

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