Berliner Wirtschaft September 2021
Beim weiblichen Führungsstil sehe ich eine stärkere Tendenz zu einem nachhaltigen Wachstum. Constanze Buchheim SCHWERPUNKT | Interview Management zu haben, umviele verschiedene Kun- denbedürfnisse zu erkennen. Gerade die hohe Dyna- mik in vielen Märkten zwingt Firmen heute, ihre Teams diverser aufzustellen. Diese Notwendigkeit steht in vielen Unternehmen tatsächlich imWider- spruch zum Bedürfnis, in den alten Rekrutierungs- mustern zu verbleiben. Wie kann dieser Widerspruch aufgelöst werden, damit Frauen mehr Chancen in Führungspositio nen erhalten? In vielen Firmen wird zu stark über den Bauch rekrutiert. Mit mehr Rationalität versachlichen wir den Auswahlprozess. Beispiel: Eine Firma mit eher introvertierten Charakteren an der Spitze braucht eine Führungspersönlichkeit, die mitreißen kann und Storytelling beherrscht. Dann bewirbt sich jemand, der diese Fähigkeiten hat, aber abgelehnt wird. Es heißt dann: Die Person redet zu viel. Aber die Qualität, offensiv zu kommunizieren, wurde von Anfang an gesucht. In rationalen Diskussionen und über klare Bewertungskriterien können wir an das ursprüngliche Ziel erinnern und Entscheidungsträ- ger vom Ähnlichkeitsmuster abbringen. Frauen profitieren also von der Rationalität in Auswahlprozessen? Ja, weil heute die meisten Entscheidungsträger männlich sind und nach den alten Mustern wie- der Männer suchen. Wir sagen immer: Unterneh- mer wollen häufig Frauen suchen, aber selten Frauen finden. Es reicht ihnen, wenn sie amEnde sagen kön- nen: Na ja, wir haben es ja probiert. In rationalen Diskussionen ist die Ablehnung dann aber oft nicht mehr zu begründen. So können wir Veränderungen zugunsten von Frauen bewirken. Verhalten sich Frauen, die sich auf Führungs positionen bewerben, in den Interviews mit den Entscheidungsträgern anders als Männer? Männer treten oft aggressiver auf, wenn es um das Thema Wachstum geht. Sie fokussieren sich viel stärker auf Wachstumsziele, während Frauen ihre Argumentation oft auf mehrere Komponenten der Unternehmensentwicklung ausdehnen. Männliche Investoren springen aber sehr stark darauf an, wenn ihnen ein schnelles Wachstum des Geschäfts ver- sprochen wird. Deshalb ist es wichtig, dass nach und nach mehr Frauen in den Investmentgesellschaften und Gesellschafterkreisen sitzen. Verfolgen Männer also ehrgeizigere Zielsetzungen bei der Unternehmensentwicklung als Frauen? Nein, das würde ich nicht sagen. Männern kommu- nizieren ihre Ambitionen nur aggressiver und ver- kaufen sich auf diese Weise hin und wieder besser. Beimweiblichen Führungsstil sehe ich eine stärkere Tendenz zu einem nachhaltigen Wachstum, das auf einem solideren Fundament steht. Es gibt Statisti- ken, denen zufolge Frauen langfristig eine höhere Kapitalrentabilität erzielen. Wenn Investoren aber auf schnelle Erfolge abzielen, interessiert das nicht. Wird Männern im Topmanagement mehr Geld als Frauen gezahlt? Ja, es gibt Gehaltsunterschiede, teils auch beträcht- liche. Das liegt aber in meiner Beobachtung nicht zwangsläufig daran, dass Frauen im Topmanage- ment strukturiert benachteiligt werden. Es hängt eher damit zusammen, dass Frauen deutlich häufi- ger kein Gefühl für den Markt entwickeln. Männer vergleichen sich eher in ihren Netzwerken und fra- gen: Wo stehst Du gerade? Wann hast Du diese Stufe erreicht?Wie hast Du argumentiert? Sie kommen oft FOTOS: AMIN AKHTAR
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