Berliner Wirtschaft Juni 2025

Ausbildungsabgabe geht am Thema vorbei Das eigentliche Problem in der Berufsausbildung ist der Mangel an Basiskompetenzen bei Schulabgängern. Darüber brauchen wir dringend eine ehrliche Debatte Was derzeit in der Politik in Sachen Berufsausbildung diskutiert wird, lässt uns Berliner Unternehmer die Augen reiben. Ausbildung stärken: ja, gerne – aber bitte an der richtigen Stelle ansetzen. Ich spreche einmal für unser Haus: Seit über 80 Jahren bilden wir als Berliner Volksbank Menschen aus – mit Überzeugung, mit viel Leidenschaft und vor allem: über den eigenen Bedarf hinaus. Warum? Weil wir glauben, dass Ausbildung der Schlüssel zu langfristiger Fachkräftesicherung ist und unserem Wirtschaftsstandort zugutekommt. Und gerade angesichts des Fachkräftemangels investieren wir konsequent in die Berufsausbildung. Wohlgemerkt: aus Überzeugung, aus Verantwortung für junge Berufsstarter, unsere Branche und unsere Gesellschaft insgesamt. Unser Credo: Berufsausbildung ist wesentlicher Teil einer lebenswerten Zukunft. Wir handeln danach – und sehr viele andere Berliner Unternehmen auch. Was uns jedoch Sorge bereitet, ist nicht etwa ein Mangel an Ausbildungsplätzen – den gibt es längst nicht mehr –, sondern vielmehr ein Defizit an grundlegenden Kompetenzen bei vielen Schulabgängern. Die Art des Schulabschlusses macht da kaum einen Unterschied. Ob Abitur oder Mittlerer Schulabschluss, wir beobachten: Immer häufiger fehlt es an Basiskompetenzen, die früher selbstverständlich waren – sprachlicher Ausdruck, grundlegendes Rechenverständnis oder die Fähigkeit, sich über einen längeren Zeitraum zu konzentrieren. Hierin liegt das eigentliche Problem, welches viele Ausbildungsbetriebe tagtäglich spüren. Und genau an diesem Punkt braucht es dringend eine ehrliche Debatte. Irritierend und gleichermaßen durchschaubar wirkt es da, wenn nun eine Ausbildungsabgabe für Unternehmen eingeführt werden soll. Dieses Vorhaben geht zentral am Thema vorbei und bestraft die Falschen. Denn sie trifft vor allem jene Unternehmen, die sich ohnehin stark engagieren, und entlässt die eigentlichen Verantwortlichen aus der Pflicht des Handelns. Wen? Die Bildungspolitik. Sanktionen zulasten von Leistungsträgern sind immer schnell auf den Plan gerufen. Wer jedoch wirklich etwas verändern will, muss den Mut haben, sich mit dem Zustand unseres Schulsystems auseinanderzusetzen: Lehrpläne, Unterrichtsausfall, Ausstattung, Lehrerfortbildungen, Praxisnähe – all das sind Stellschrauben, an denen es anzusetzen gilt. Auch wir tragen unseren Teil bei. Nicht nur freiwillig seit vielen Jahren beim Berliner Schulpaten. Nein, wir nehmen auch die Verpflichtung an. Indem wir weiter ausbilden. Aus Verantwortung und Überzeugung. Und wir wünschen uns, dass dieser Einsatz nicht durch Symbolpolitik konterkariert, sondern durch echte Reformen unterstützt wird. ■ Meinung In der Kolumne „Auf den Punkt“ positionieren sich im monatlichen Wechsel Mitglieder des Präsidiums zu wirtschaftspolitischen Fragestellungen aus ihrer persönlichen Sicht. präsidiumsmitglieder beziehen stellung Carsten Jung ist Vorstandsvorsitzender der Berliner Volksbank eG und Mitglied im Präsidium der IHK Berlin FOTO: AMIN AKHTAR Auf den Punkt | 13 Berliner Wirtschaft 06 | 2025

RkJQdWJsaXNoZXIy MTk5NjE0NA==