SERIE Einzelhandel Stationär hat Zukunft! # 4 Naturkaufhaus Simone Blömer, IHK-Key-Account-Managerin Handel, Tourismus und Gastgewerbe Tel.: 030 / 315 10-432 simone.bloemer@berlin.ihk.de Michael Ray Albrecht, IHK-Branchenmanager Handel, Industry, CCI Berlin Tel.: 030 / 315 10-495 michael.albrecht@berlin.ihk.de Wer bei einem Naturkaufhaus nur an Räucherstäbchen, Yogamatten und Traumfänger denkt, kennt das Naturkaufhaus in der Galleria GmbH an der Steglitzer Schloßstraße nicht. Hier findet sich Deutschlands größtes Sortiment natürliche Dinge – angefangen von Babykleidung über Bettwaren mit Alpakafüllung bis hin zu Lederwaren und Feinkost. „Unser Anspruch ist Qualität. Jedes Produkt wird geprüft, bevor wir uns für eine Aufnahme ins Sortiment entscheiden“, sagt André Fischer, Prokurist des Naturkaufhauses. Er gehört zur Belegschaft der ersten Stunde und verantwortet seit fast 30 Jahren den Betrieb. Als die Eigentümer – Peter Fritz und seine Tochter Beate – Anfang der 1990er-Jahre den Kaufhaus-Bau planten, ließen sie sich von Handelsbauten in Paris inspirieren und überzeugten den Bezirk von einer gebogenen Glasfassade. Im Gegenzug verzichteten sie auf Wände, die bis dahin Handelsflächen dominierten. In der obersten Etage schufen sie Platz für ein Sushi-Restaurant, zu diesem Zeitpunkt ebenfalls ein Novum in Berlin. Seitdem haben die Eigentümer immer wieder investiert und das Naturkaufhaus über Berlins Grenzen hinaus bekannt gemacht. „Viele unserer Produkte stammen aus besonderen Projekten, mit denen die Menschen in den Produktionsländern unterstützt werden. Das spricht vor allem eine junge Käuferschicht an, die sich nicht mit einem Greenwashing zufriedengibt“, so André Fischer. Marktforschungsinstitute wie Splendid Research bestätigen in ihren Studien, dass für die überwiegende Mehrheit der Verbraucher Nachhaltigkeit insbesondere im Bereich Bekleidung wichtig und im kollektiven Bewusstsein angekommen ist. Im Jahr 2023 hat das Institut zudem einen Naturkosmetik Monitor herausgegeben. Demnach gewinnen Umweltbewusstsein und nachhaltige Lebensstile immer mehr an Bedeutung, sodass sich auch die Nachfrage nach Naturkosmetik in Deutschland über die Jahre deutlich erhöht hat. 77 Prozent der Befragten geben an, Naturkosmetik aus Rücksicht auf Natur und Umwelt zu kaufen. Dabei gehören natürliche Rohstoffe und der Verzicht auf Tierversuche zu den wichtigsten Produktmerkmalen. Dieser Trend zur Nachhaltigkeit, der auch für Möbel seit Jahren ausgemacht wird, hat aber einen Haken: Nachhaltigkeit ist wichtig, aber nicht um jeden Preis. Die Marktforschung spricht hier auch von „tatenlosen Verbrauchern“, die nachhaltig produzierte Waren kaufen möchten, aber sich aufgrund des vermeintlich höheren Preises sowie fehlenden Vertrauens in die angegebene nachhaltige Produktion gegen den Kauf entscheiden. Für Anbieter wie das Naturkaufhaus bedeutet das, sie müssen stärker um das Vertrauen der Verbraucher werben und den Nachweis erbringen, dass ihre Produkte halten, was sie versprechen. Der jüngst veröffentlichte GfK Nachhaltigkeitsindex macht Hoffnung: Aktuell würden die Verbraucher zwar weniger kaufen, dafür aber qualitätsbewusster, was wiederum für nachhaltig produzierte Ware spricht. Der Erfolg des Naturkaufhauses beruht auch auf der Handlungsmaxime der Eigentümerfamilie: „Nur die Schritte machen, die machbar sind“. Hier zeigt sich das Prinzip des ehrbaren Kaufmannes: Als während der Pandemie nur Drogerieartikel verkauft werden durften, wurde die Kosmetikabteilung von der vierten Etage kurzerhand ins Erdgeschoss verlegt und die anderen Bereiche geschlossen gehalten. Das war eine Kraftanstrengung, aber ein Schritt, der machbar war und das Naturkaufhaus durch die wohl härteste Zeit seit seinem Bestehen getragen hat. Auch bei der Mitarbeiterführung findet sich das Credo des ehrbaren Kaufmannes wieder. Viele aus der Belegschaft sind seit Jahrzehnten im Betrieb. Auf acht Etagen beraten rund 50 Mitarbeitende, in der Filiale in Bernau sind es noch mal zehn Angestellte. Sie geben ihre Begeisterung für die Produkte an die Kunden weiter. Für André Fischer der Garant für zufriedene Kunden: „Wir brauchen gut qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die das Sortiment kennen und vermitteln können, dass Qualität auch ihren Preis hat.“ Dass aber auch das Naturkaufhaus Schwierigkeiten hat, Personal zu finden, zeigt, dass die allgemeinen Herausforderungen des Handels nicht vor erfolgreichen Geschäftsmodellen haltmachen. Sie müssen gemeistert werden – auf nachhaltige Weise: Schritt für Schritt. ■ Anfre´ Fischer Prokurist Naturkaufhaus Viele unserer Produkte stammen aus besonderen Projekten, mit denen die Menschen in den Produktions- ländern unterstützt werden. FOTOS: CHRISTIAN KIELMANN Handel | 37 Berliner Wirtschaft 05 | 2025
RkJQdWJsaXNoZXIy MTk5NjE0NA==