Graft gehört zu den Berliner Architekturbüros, die man an einer Mischung aus Haltung und Handschrift erkennt: international aufgestellt, aber mit einem klaren Blick auf die Stadt. Gegründet 1998 in Los Angeles, arbeitet das Team um Lars Krückeberg, Wolfram Putz und Thomas Willemeit heute vom Hauptsitz in Berlin aus in Disziplinen von Städtebau über Architektur bis zu Innenarchitektur und Design. Diese Grenzen aufzulösen, ist Teil der DNA. Willemeit beschreibt das Erfolgsprinzip so: „Uns interessiert das Verbinden vieler guter Ideen zu einem holistischen Ganzen.“ Und genau dieser ganzheitliche Ansatz ist der Punkt, an dem die Expo-2035-Idee nach Überzeugung von Willemeit auch für Berlin spannend wird: als Motor, der nicht nur einzelne Landmarken setzt, sondern Orte und Infrastrukturen sinnvoll miteinander verknüpft. „Die große Leistung der Expo-2035-Initiative besteht darin, die schon bestehenden Ansätze und Initiativen aus Berlin sichtbar zu machen und als Ausgangspunkt zu nehmen, um mehr Selbstbewusstsein für eine engagierte Transformation der Stadt in die Zukunft zu entfachen“, betont der Graft-Mitgründer. „Das, was wir im Hinblick auf eine nachhaltige und bessere urbane Umgebung sowieso tun müssen, kann so fokussiert und mit dem Ziel der Sichtbarkeit im Ausstellungsjahr 2035 mit zusätzlichem Elan und unterstützender Energie ausgestattet werden.“ Gleichzeitig wird er sehr konkret, wo die Hauptstadt Möglichkeiten liegen lässt. „Es gibt unfassbar viele Potenziale in der Stadt, die Transformation der beiden ehemaligen Flughäfen Tegel und Tempelhof, schlafende Riesen wie das ICC und das Flughafengebäude Tempelhof, Entwicklungsareale entlang des Spree-Oberlaufs in Richtung Süden und nicht zuletzt der Flughafen BER.“ Hinzu kommt die Anbindung an die umgebenden Kommunen und Städte in Brandenburg. Zwischen diesen Punkten könnte eine Expo wie ein Beschleuniger wirken, nicht als Einheitsbild, sondern als Klammer, die Berlins Vielfalt nutzbar macht. „Wir erhoffen uns als Architekten eine neue Haltung des Ermöglichens in der Stadt.“ Dabei geht es nicht um Architektur als glänzende Hülle, sondern um sozial verantwortliche Räume, die Teilhabe ermöglichen und Wandel aushalten. Willemeit erinnert daran, wie sehr Bauen unsere Vorstellung von Stadt prägt: „Architektur und Städtebau spiegeln direkt unsere Weltanschauungen und Auffassungen vom Zusammenleben wider.“ Die Nach-Wendezeiten, in denen an jeder Ecke der Stadt alles möglich schien und die Stadt sich permanent selbst neu erfunden hat, sind allerdings verdrängt vom Ringen um Machbarkeit und die geringer werdenden Lücken in der Stadt. Gleichzeitig verändern sich Stadtquartiere durch Attraktivität und Alterung ihrer Bewohner. Vor diesem Hintergrund müsse Urbanität als dynamischer Lebensraum neu erfunden werden. „Wir brauchen weniger Regularien und Begrenzungen, mehr Experimentierfreude und ein Bekenntnis dazu, dass Berlin auch ein Labor für die Zukunft ist“, fordert er. „Lösungsansätze gibt es zuhauf.“ Praxisbeispiel Mobilität Ein Beispiel, wie Zukunft in der Praxis aussehen könnte, liefert die Mobilität. Thomas Willemeit spannt dabei den Bogen über die Stadtgrenzen hinaus: „Der Erfolg von großen Metropolen und ihrer eigenen Wandlungsfähigkeit hängt heute auch an der Vernetzung mit anderen urbanen Ballungsräumen.“ Hier setzt der Vordenker auf neue Technologien. „Der Hyperloop und Magnetschwebetechnik im Allgemeinen werden eine gute Alternative zu Kurzstreckenflügen bieten und damit nachhaltig zur besseren Vernetzung der Städte beitragen.“ Während Hyperloop-Systeme in Europa zwar als strategisch relevant diskutiert werden, aber noch vor Hürden bei Business Case und Regulierung stehen, zeigt die Magnetschwebetechnik mit kommerziellem Betrieb wie in Shanghai schon heute, was möglich ist. Für Berlin wäre das die eigentliche Expo-Visitenkarte: nicht Zukunft versprechen, sondern verknüpfen – sichtbar im Stadtraum und spürbar im Alltag. ■ Das Architekturbüro Graft sieht die Expo als Motor der Transformation für Berlin. Die Potenziale sind da, das Event macht sie sichtbar Viele Ideen verbinden Gut vernetzt Der QR-Code führt zum Unternehmer auf LinkedIn: FOTO: MARIO HELLER Expo 2035 | 21 Berliner Wirtschaft 01-02 | 2026
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