Berliner Wirtschaft Januar/Februar 2026

Neuer Markt Berliner Unternehmen profitieren von Indiens Dynamik Seite 28 Rüstung Neue Plattform vernetzt Verteidigungsindustrie und Mittelstand Seite 54 Vision. Mission. Expo! Die Weltausstellung 2035 in Berlin soll Fixpunkt einer Zukunftsdekade für die Hauptstadt sein, sagt Ideengeber Daniel-Jan Girl Seite 16, Interview Seite 24 Projektstart NAMBRIDGE In Windhoek entsteht das erste Ausbildungs- zentrum der Initiative TalentsBridge Seite 15 Mehr in der BW Online Das Magazin der Industrie- und Handelskammer zu Berlin 01-02/2026 ihk.de/berlin

Sebastian Stietzel ist Präsident der IHK Berlin und Geschäftsführer der Marktflagge GmbH, Management & Investments Was erwarten Sie vom Wahlkampf-Jahr 2026? Auch ohne Blick in die Glaskugel ist klar: Die Herausforderungen für den Standort sind groß, die To-do-Liste ist lang. Da ist kein Platz für kurzfristige Wahlversprechen. Vielmehr müssen trotz Abgeordnetenhauswahl im September die Weichen gestellt werden für die Zukunft unserer Stadt - mit Blick über den Tellerrand und über Legislaturperioden hinaus. Leider gerät in Berlin über allerlei Debatten über Enteignungen, Ausbildungsplatzabgabe oder eine auto- und werbefreie Innenstadt gelegentlich in Vergessenheit, dass eine florierende Wirtschaft die Basis für eine international erfolgreiche und lebenswerte Metropole ist. Gemeinsam mit 17 weiteren Kammern und Verbänden hat die IHK deshalb jetzt konkrete Forderungen und Vorschläge ausgearbeitet und als dringenden Appell an die Politik veröffentlicht – frei nach dem Motto: „Standort first, Wahlkampf second“ (S. 14). Ein hervorragender Hebel, um den Turbo für Investitionen, Infrastruktur und Innovationen zu zünden, sind unbestreitbar Großereignisse. Die Chancen, die Expo 2035 nach Berlin zu holen, stehen außerordentlich gut. Der Rückhalt in Gesellschaft und Wirtschaft für die Ausrichtung der Expo ist ungebrochen groß, die wichtigsten Befürworter und Argumente finden Sie in dieser Ausgabe. (S. 16) Unter dem Themenschwerpunkt „Internationales“ richtet die IHK Berlin den Blick im Jahr 2026 gezielt auf erfolgreiche internationale Best Practices. Ziel ist es, daraus konkrete Impulse für bessere wirtschaftliche Rahmenbedingungen in Berlin abzuleiten und diese gegenüber Politik und Verwaltung klar zu adressieren. Denn: Berlin muss wieder Weltmetropole werden! Ihr Zukunftsmarkt Indien Unter den großen Volkswirtschaften wächst Indien am stärksten – davon profitiert zunehmend auch Berlin. Die Pläne des Senats, in Bengaluru ein Berliner Wirtschaftsbüro zu eröffnen, zeigt ebenso wie die 2025 gegründete Tochter Messe Berlin India das immense Potenzial des Landes. Seite 28 Weltmetropole im Wahljahr berliner-wirtschaft.de Mehr Business-News und Storys aus den Unternehmen der Hauptstadt, dazu Zahlen, Fakten und Meinungen bietet der Online-Auftritt der „Berliner Wirtschaft“: ZEICHNUNG: ANDRÉ GOTTSCHALK; TITEL: AMIN AKHTAR Berliner Wirtschaft 01-02 | 2026 Editorial | 03

16Expo 2035 Die Verteilung der Pavillons über mehrere Standorte der Stadt gehört zum Konzept der Weltausstellung in Berlin BRANCHEN 28 Neue Märkte Warum Indien für Berliner Unternehmen attraktiv ist 31 Katastrophenschutz Nach Blackouts in Berlin fordert IHK besseren Schutz der kritischen Infrastruktur 34 Start-up Eva-Maria Meijnen, Co-CEO Evela Health, im Gespräch 36 Stadtentwicklung Beim Zentren-Wettbewerb „Mittendrin Berlin!“ wurden die Siegerprojekte gekürt 38 Gründerstory Beratungsfirma Mobiang bietet Firmen Unterstützung beim Markteintritt in Afrika 39 Historie Der Verlag Paul Parey traf mit Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert einen Nerv AGENDA 10 Politikgespräch Berliner Verkehrssenatorin Ute Bonde zu Gast bei der IHK 12 Empfang IHK dankt Ehrenamtlichen für ihr vielfältiges Engagement 13 Vollversammlung Gut gefüllte Tagesordnung und Diskussion bestimmten die Sitzung im Dezember 14 Standortpolitik Wirtschaft appelliert an die Politik, die Sachthemen im Wahljahr im Blick zu behalten 15 Kolumne Sebastian Stietzel über die IHK-Initiative TalentsBridge und den Auftakt in Namibia FOKUS 16 Expo 2035 Die Weltausstellung soll Teil einer Zukunftsdekade für Berlin sein – mit weiteren internationalen Großevents 20 Unternehmenspraxis Ob Architekturbüro Graft, Dan Pearlman oder Stadler: Alle verbinden mit der Expo enorme Chancen für Berlin 24 Interview Daniel-Jan Girl wünscht sich eine Zukunftsdekade für Berlin, und ein Baustein dazu ist für ihn die Expo 2035 Daniel-Jan Girl Vorstandsvorsitzender von Global Goals for Berlin 24 Wenn die Politik die Chancen aufrechterhalten will, muss sie jetzt etwas tun. Neue Märkte Laut Messe-Chef Mario Tobias sehen viele indische Akteure Berlin und seine Leitmessen „als ideale Plattform“ 28 Inhalt | 04

FACHKRÄFTE 40 Verbundberatung Bilanz eines Projekts, von dem die Wirtschaft profitiert 42 Azubi-Ticket Auszubildende erhalten jetzt ein Deutschlandticket 43 Internationale Talente Neues IHK-Netzwerk hilft bei der Suche nach Fachkräften 44 Förderung Weiterbildungsstipendien bieten Talenten Perspektiven 46 Ausbildungsstart Nachvermittlungsmesse der IHK sorgt für gute Matches 47 Berufsbild IHK treibt Ausbildung in der Fahrradbranche voran 50 Berufsorientierung „BOOM!“ konnte auf mehrere Schulen ausgeweitet werden SERVICE 52 Arbeitswelt Ansprüche ans Office sind deutlich gestiegen 54 Defence-Standort Plattform vernetzt Betriebe mit der Rüstungsindustrie 56 Wirtschaftssatzung Satzung der IHK Berlin für das Geschäftsjahr 2026 58 Rechtsänderungen Übersicht über neue Gesetze und Verordnungen 2026 61 Beratung Hinweise zu aktuellen Regelungen im Arbeitsrecht 62 Nachhaltigkeit Kiezbote GmbH setzt auf Social Impact als Konzept 63 IHK vor Ort Pop-up-Office macht auch 2026 Station in den Bezirken 03 Editorial | 06 Entdeckt | 48 Impressum | 51 Seminare 65 Gestern & Heute | 66 Zu guter Letzt Schreiben Sie uns Worüber möchten Sie in der „Berliner Wirtschaft“ informiert werden? Senden Sie Ihre Anregungen per Mail an: bw-redaktion@berlin.ihk.de Verbundberatung Engagement für die berufliche Ausbildung: das Team der Verbundberatung Berlin 40 FOTOS: BERLIN EXPO 2035, AMIN AKHTAR, CHRISTIAN KIELMANN, MESSE BERLIN Berliner Wirtschaft 01-02 | 2026 Inhalt | 05

Erlebnisorte, die instagrammable sind, also mit zahllosen Nutzerfotos in sozialen Netzen landen, gibt es inzwischen eine ganze Reihe in Berlin. Temporär ist die Hauptstadt gerade um ein solches Spektakel reicher: Bubble Planet heißt die immersive Mitmachwelt, hinter der der Bayreuther Veranstalter Semmel Concerts, die Ausstellungsmacher von Exhibition Hub aus Belgien und die Plattform Fever mit Sitz in New York stehen. Angedockt hat der Planet in der Arena in Berlin-Treptow, an deren Betreibergesellschaft Semmel beteiligt ist. Die interaktive Schau mit diversen Installationen voller Blasen, Bälle und Kugeln hat zuvor bereits rund um den Globus Station gemacht – von Los Angeles über Singapur bis London. Bis Ende März können Besucher noch in den bunten Fantasie- kosmos ein- und abtauchen. Und sich dabei ausgiebig fürs Social Web fotografieren. Berliner Blase FOTO: ULRICH SCHUSTER Berliner Wirtschaft 01-02 | 2026 Entdeckt | 06

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„Es geht nicht um Schuldzuweisungen, sondern um Lehren für Berlin und darüber hinaus. Die Defizite im Katastrophenschutz zeigen: Wir sind organisatorisch und strukturell nicht ausreichend vorbereitet. Jetzt braucht es eine klare Strategie zur Stärkung der Versorgungssicherheit – mit Augenmaß zwischen Transparenz und Schutzinteressen. Die Wirtschaft muss in Krisenstäbe eingebunden werden. Berliner Unternehmen sind nicht nur Betroffene, sondern Partner für Lösungen.“ Der tagelange Stromausfall im Berliner Südwesten hat auch Unternehmen schwer zu schaffen gemacht Mehr Schutz für die Infrastruktur! gesagt 1,8 % Wirtschaftswachstum halten die Volkswirte der Investitionsbank Berlin (IBB) in diesem Jahr in der Bundeshauptstadt für möglich. Als Grundlage für die Wachstumsbeschleunigung sieht die IBB die von Bund und Ländern ausgerufene Investitionsinitiative. Manja Schreiner, Hauptgeschäftsführerin IHK Berlin kopf oder zahl Carina Knie-Nürnberg Anna Dimitrova ist neue Vorsitzende der Geschäftsführung der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg der Bundesagentur für Arbeit. Gemeinsam mit den Geschäftsführern Marcus Weichert und Frank Behrendt verantwortet sie die arbeitsmarktpolitische Steuerung in Berlin und Brandenburg. Zuletzt war Knie-Nürnberg operative Geschäftsführerin der Regionaldirektion. ist seit dem 1. Januar im Vorstand der Zalando SE für die Bereiche Finanzen und Corporate Governance zuständig. Zuvor war sie in leitenden Führungspositionen bei der Vodafone Group und der Deutschen Glasfaser in Großbritannien, Deutschland und der Tschechischen Republik tätig. Bei der Deutschen Glasfaser hat sie als Group CFO gearbeitet. FOTOS: OLIVER TJADEN/ZALANDO, BUNDESAGENTUR FÜR ARBEIT, PHILIPP ARNOLDT, ISTOCKPHOTO, IMAGO/MATTHIAS KOCH Berliner Wirtschaft 01-02 | 2026 Kompakt | 08

0 50 100 150 200 250 300 350 Quelle: Amt für Statistik Berlin-Brandenburg in Tausend Petajoule 209 299 265 Steinkohle Braunkohle Mineralöle Gase erneuerbare Energien Strom Andere 1990 2000 2010 2005 2015 2020 2024 0 50 100 150 200 250 300 350 Quelle: Amt für Statistik Berlin-Brandenburg in Tausend Petajoule 209 299 265 Steinkohle Braunkohle Mineralöle Gase erneuerbare Energien Strom Andere 1990 2000 2010 2005 2015 2020 2024 4 % weniger Primärenergie wurden 2024 in Berlin verbraucht. Es ist der dritte Rückgang in Folge. Andreas Kubala, IHK-Experte für Energie Tel.: 030 / 315 10-758 andreas.kubala@berlin.ihk.de Primärenergieverbrauch sinkt Laut vorläufiger Energie- und CO2-Bilanz wurde 2024 vor allem weniger Erdgas in Berlin eingesetzt berliner wirtschaft in zahlen Im neuen Global Destination Sustainability Index (GDSI) ist Berlin unter den „Metropolen und Mega-Cities“ auf Rang 4 auf- gestiegen, hinter Melbourne, Singapur und Barcelona. Unter allen teinehmenden 81 Städten belegt Berlin Platz 17 und hat sich damit um neun Ränge nach oben gearbeitet. Die Gesamtperformance Berlins wurde mit „81 Prozent“ bewertet – das beste Ergebnis, das Berlin im GDSI bislang erzielt hat. Ein Pluspunkt für Berlin: Drei Viertel aller Hotels mit mehr als 75 Zimmern sind zertifiziert. bw Wenn der Hauptbahnhof die Visitenkarte einer Stadt ist, dann hat Berlin hier fleckige Eselsohren. Auch 20 Jahre nach Eröffnung ist der zentrale Anlaufpunkt für Zugreisende von unansehnlichen Provisorien umgeben. Eines davon wird nun angegangen: der südliche Teil des Europaplatzes. Der klangvolle Name täuscht, bisher ist die Fläche an der Invalidenstraße ein asphaltiertes Durcheinander – allerdings auch eine wichtige Vorfahrt für Taxis. Die sollen weg, hinüber zum Washingtonplatz. Die letzte Vertreibung der Droschken führte zum Verkehrschaos, die BVG drohte, Bushalte am Bahnhof zu canceln. Ein echtes Konzept fehlt auch jetzt. Das Prinzip Provisorium gehört zu Berlin wie Döner und Currywurst. bw Was finden Sie typisch? Schreiben Sie uns: bw-redaktion@berlin.ihk.de Bahnhof verstehen typisch berlin Tourismus Reiseziel Berlin wird nachhaltiger Grafiken: BW Quelle: Statistik Berlin-Brandenburg Kompakt | 09

Verkehrssenatorin Ute Bonde präsentiert beim Termin in der IHK hochfliegende Pläne – der Wirtschaft geht es vor allem um Schiene und Straße von Holger Lunau Große Aufgaben, wenig Geld 1 2 3 agenda

Das Bild, das Berlin gegenwärtig abgibt, ist nicht gerade rosig. Weit über die Stadtgrenzen hinaus bestimmen marode Brücken, fehlende internationale Fluganbindungen, ausbleibende Touristen, Streit um den Ausbau von Straßen, fehlende Wohnungen und steigende Arbeitslosenzahlen die Schlagzeilen. Wohin man sieht, es gibt offenbar nur Baustellen. Aber auch Ideen, die Stadt voranzubringen. Bei einem Wirtschaftspolitischen Frühstück im Ludwig Erhard Haus präsentierte Ute Bonde, Berlins Senatorin für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt, ihre Visionen für die Stadt von morgen. Die Unternehmer hätten aber gern sofortige Verbesserungen – zum Beispiel im öffentlichen Nah- oder beim Lieferverkehr. Die Politikerin versuchte jedenfalls Mitte Dezember bei dem politischen Gespräch in der IHK Berlin, Auswege aus der Krise aufzuzeigen. Kleiner Haken an der Sache: Die Umsetzung etlicher Projekte wird wohl erst in vielen Jahren oder gar nie gelingen, weil es dafür keinen politischen Konsens gibt. Zunächst aber gab es teilweise gute Nachrichten. Von den nunmehr 300 sanierungsbedürftigen Brücken sollen bis 2040 insgesamt 175 Brücken durch Neubauten ersetzt werden. Das sieht ein Masterplan des Senats vor. Für weitere 125 Verkehrsbauwerke ist eine Grundsanierung vorgesehen. Bislang hatte Bonde von 120 zu erneuernden Brücken bis 2035 gesprochen. Aber auch hier gibt es finanzielle Unsicherheiten. Bisher war von einem Investitionsbedarf von mehr als einer Milliarde Euro die Rede. Bei einem noch höheren Neubau- und Sanierungsbedarf fehlt jede Fantasie, woher das Geld kommen soll. TVO soll trotz der Kosten gebaut werden In diesem Zusammenhang verwies Bonde auf Public Private Partnership. Wer sich dem verschließe, schade der Stadt, betonte sie. Allerdings: Um die Vor- und Nachteile gemeinsamer Projekte von öffentlicher und privater Hand wird seit Jahrzehnten in Berlin immer wieder gestritten. Unabhängig davon bekräftigte die Verkehrssenatorin ihre Position, ungeachtet der sehr hohen Kosten unbedingt die Tangentialverbindung Ost (TVO) zwischen Köpenick und Marzahn sowie den nächsten Bauabschnitt der Stadtautobahn A 100 über die Spree nach Friedrichshain zu bauen. Auch an anderer Stelle will die Senatorin den Verkehrsfluss in der Stadt verbessern, nicht zuletzt auch zugunsten des Lieferverkehrs. Ihre Idee: BVG-Busse sollen automatisiert Baustellen überwachen. Ziel ist es, nicht genehmigten Baustellen auf die Spur zu kommen und Umfang wie die Dauer der Einschränkungen besser zu überwachen. Einen Test in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut gab es bereits. Nunmehr soll daraus bald Praxisalltag werden. Zudem, so Bonde, werde eine Eingreiftruppe „Geister-Baustellen“ eingerichtet. Diese soll prüfen, ob auf der Baustelle zügig gearbeitet wird. Ursprünglich sollte das Team längst im Einsatz sein. Widerstand gegen BER-Pläne Weitaus größeren politischen Sprengstoff stellte die Forderung der Verkehrssenatorin dar, für den Flughafen BER eine dritte Start- und Landebahn zu bauen und das Nachtflugverbot zu lockern. So könne der Flughafen attraktiver gemacht werden, argumentierte Bonde. Gäbe es mehr Slots, würden mehr Airlines nach Berlin kommen, auch wenn der Flughafen gegenwärtig noch nicht einmal das Vor-Corona-Niveau erreicht habe. Außerdem müssten Flüge nicht umgeleitet werden, wenn die Maschinen zwischen Mitternacht und fünf Uhr ankommen, und die von den Airlines als zu hoch kritisierten Gebühren müssten angepasst werden. Wie nicht anders zu erwarten, kam von Brandenburger Seite sofort eine Absage an Bondes Pläne, eine dritte Landebahn zu bauen. Die bestehende Infrastruktur müsse erst mal effizient genutzt werden. Zum Vergleich: Wurden im Vor-Corona- Jahr 2019 in Tegel und Schönefeld insgesamt rund 35,7 Millionen Passagiere abgefertigt, waren es 2024 am BER 25,5 Millionen Passagiere. Bei allen hochfliegenden politischen Wünschen für den BER, es scheinen offenbar andere Probleme zu sein, die die Berliner Unternehmer umtreiben. Eine Online-Umfrage unter den rund 200 Frühstücksgästen ergab, dass sich eine Mehrheit einen kontinuierlich reibungslosen S-Bahn-Verkehr wünscht. Langstreckenflüge und belastbare Brücken folgen auf den Plätzen. Zudem wird eine bessere Koordination gewünscht, den Wirtschaftsverkehr reibungslos fließen zu lassen. Zum Schluss konnte die Senatorin aber noch mit einem Thema bei den Gästen volle Punktzahl einheimsen. Das Anliegen der Initiative „Autofreies Berlin“ sei „hanebüchen“. Hier werde es „keine Verständigung“ geben. Sie appellierte an die Unternehmer, im Falle einer Volksabstimmung mitzuhelfen, das Projekt zu verhindern. ■ Ute Bonde Berliner Verkehrssenatorin Das Anliegen der Initiative ,Autofreies Berlin‘ ist hanebüchen. Hier wird es keine Verständigung geben. 1 Beim Wirtschaftspolitischen Frühstück der IHK Berlin mit der Verkehrssenatorin wurde deutlich, dass die Prioriät für die Unternehmen beim Nah- und Lieferverkehr liegt 2 Ute Bonde erläuterte ihre Ideen für die Weiterentwicklung der Stadt. Rechts von ihr: IHK-Ausschussvorsitzender Andreas Peter, links IHK-Vizepräsident Robert Rückel 3 IHK-Präsident Sebastian Stietzel begrüßte Verkehrssenatorin Ute Bonde zum morgendlichen Termin im Ludwig Erhard Haus 175 BBrücken sollen bis 2040 durch Neubauten ersetzt werden. Insgesamt sind 300 Brücken in Berlin sanierungsbedürftig. FOTOS: IHK BERLIN/KONSTANTIN GASTMANN Wirtschaftspolitisches Frühstück | 11 Berliner Wirtschaft 01-02 | 2026

IHK und Handwerkskammer würdigten den Einsatz der ehrenamtlich Tätigen – anwesend waren auch Kai Wegner und Franziska Giffey von Holger Lunau Engagiert für die Sache auch Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey. So bestand beim „Jahresauftakt des Ehrenamtes“ die Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen und über Erfahrungen im Alltag zu reden. „Ohne ihre Zeit, ihr Wissen und ihre Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, würde unsere Stadt an vielen Stellen schlicht nicht funktionieren“, würdigte IHK-Präsident Sebastian Stietzel die Ehrenamtlichen. Dieses starke Miteinander könne aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in der Stadt etliche Schwachstellen und große Herausforderungen gibt, sagte Stietzel in Richtung Politik. Dazu gehörten eine leistungsfähige, digitalisierte Verwaltung, eine funktionierende Infrastruktur, eine Standortpolitik, die Berlin nach vorn bringt, und eine effiziente, international ausgerichtete Fachkräftestrategie. In diesem Zusammenhang bekräftigte Handwerkskammer-Präsidentin Carola Zarth das Ziel beider Kammern, zugewanderte Fachkräfte und Unternehmer mit Migrationshintergrund für Ehrenämter zu gewinnen. „Wir brauchen Zuversicht und Optimismus“, betonte Kai Wegner. Es helfe nichts, „alles schlecht zu reden“. Bei vielen Themen wie der Verwaltungsreform oder im Bildungsbereich sei der Senat vorangekommen. Ja, es gebe Handlungsbedarf, etwa beim Wohnungsbau oder Vergaberecht. Doch diese Probleme würden angegangen. Und er machte der Wirtschaft etwas Hoffnung, dass der Senat die Expo-Bewerbung 2035 unterstützt. Das aber nur unter der Bedingung, dass dies gemeinsam mit dem Land Brandenburg passsiert zur Weiterentwicklung der Metropolregion. ■ Kai Wegner, Regierender Bürgermeister, signalisierte eine gewisse Offenheit für die Expo 2035 in Berlin Carola Zarth, Präsidentin der Handwerkskammer, und IHK-Präsident Sebastian Stietzel dankten den Ehrenamtlichen E hrenamtliches Engagement ist in unserer Gesellschaft ein starker Eckpfeiler für ein funktionierendes Gemeinwesen. Freiwillige Helferinnen und Helfer sind überall im Einsatz, sei es im Sport, bei der Nachbarschaftshilfe, als Schöffen oder in Schulen. Oft nicht erwähnt, aber engagiert bei der Sache und dringend gebraucht sind die vielen ehrenamtlich Tätigen in der Wirtschaft. Das sind Prüferinnen und Prüfer in der Aus- und Weiterbildung, Sachverständige, Gutachter oder gewählte Vertreter in den Gremien und Fachausschüssen. Um diesen Einsatz zu würdigen, luden IHK Berlin und Handwerkskammer Berlin am 14. Januar rund 400 Frauen und Männer zu einem Empfang ins Ludwig Erhard Haus ein. Vertreten war auch der Berliner Senat, unter anderem durch den Regierenden Bürgermeister Kai Wegner wie Ehrenamt Weitere Informationen und Kontakt zur IHK auf der Website unter folgendem QR-Code: FOTOS: IHK BERLIN/JENS AHNER Berliner Wirtschaft 01-02 | 2026 AGENDA | Empfang | 12

Olympia, Expo, Ausbildung, Volksbegehren, Vergesellschaftung – die letzte Vollversammlung 2025 zeigte sich diskussionsfreudig von Dr. Mateusz Hartwich Weichenstellung für 2026 bung um die Olympischen Spiele priorisiere, was viele Kommentatoren als Absage an die Pläne der Expo 2035 interpretierten. Die IHK Berlin hat sich öffentlich zur Zukunftsdekade bekannt, also einer Reihe von Großveranstaltungen – neben den erwähnten etwa die Internationale Bauausstellung (IBA) – in der Hauptstadt, die einen Entwicklungsschub in der Stadtentwicklung, der Mobilität und nachhaltigen Innovationen bringen würden. In der Öffentlichkeit sei der Eindruck entstanden, dass die Wirtschaft dabei nicht mit einer Stimme spricht, bedauerte Markus Gruhn, Inhaber Markus Gruhn Immobilien e. K., in der Diskussion. Dabei ist das Bekenntnis zur Zukunftsdekade ein verbandsübergreifendes Ziel. Nicht weniger kontrovers waren die Themen im wirtschaftspolitischen Bericht der IHK-Hauptgeschäftsführerin Manja Schreiner. Die Kammern und Verbände arbeiten weiter mit Hochdruck daran, die geplante Ausbildungsplatzabgabe abzuwenden, die Unternehmen nur Bürokratie und Kosten bringen würde, aber keinen zusätzlichen Azubi. Problematisch sind aus Sicht der Wirtschaft auch die Umsetzung der Initiative „Baumentscheid“ mit Mitteln aus dem Infrastruktur-Sondervermögen des Bundes sowie die weiteren Entwicklungen bei den geplanten Volksbegehren „Berlin Autofrei“ und „Berlin Werbefrei“. Dazu werden Arbeitsgruppen des IHK-Ehrenamtes eine Position für die Vollversammlung vorbereiten. Zu schlechter Letzt schwelt auch das Thema Vergesellschaftung von Wohnungsunternehmen weiterhin, dazu, so Schreiner, bringe das neuerliche Gutachten der Senatsverwaltung für Finanzen einen notwendigen Impuls. Angesichts der stürmischen Zeiten in der Welt seien die internationalen Aktivitäten der IHK Berlin 2025 positiv verlaufen, mit Delegationsreisen nach Tokio, Madrid, Warschau und Namibia sowie der Arbeit des International Board. Das Fokusprojekt Internationale Fachkräfte mit der TalentsBridge mache Fortschritte, erste Erfolgsmeldungen gab es auch im Hinblick auf die verbesserte interkontinentale Anbindung des Flughafens. Das Arbeitsprogramm für 2026, das die Vollversammlung letztlich mit überwältigender Mehrheit beschloss, setzt klare Schwerpunkte auf Fachkräftegewinnung, Bürokratieabbau und Standortstärkung. Auch der neue Haushalt wurde beschlossen, inklusive erster Maßnahmen zu notwendigen Sanierungsmaßnahmen am Ludwig Erhard Haus, insbesondere des Konferenzzentrums. ■ Manja Schreiner, Hauptgeschäftsführerin der IHK Berlin, stellte den wirtschaftspoli- tischen Bericht vor Die letzte Sitzung der Vollversammlung der IHK Berlin 2025 war, wie jedes Jahr, von Resümees und Ausblicken bestimmt. Es kommt jedoch nicht häufig vor, dass das Ehrenamt der Berliner Wirtschaft ganze Jahrzehnte vorausblickt und sich dazu die anregendsten Diskussionen entwickeln. Anlass dafür waren Aussagen des Regierenden Bürgermeisters und der Innensenatorin, wonach Berlin die BewerFOTO: IHK BERLIN/INES HASENAU Vollversammlung | 13 Berliner Wirtschaft 01-02 | 2026

Die Wirtschaft fordert von der Politik, auch beim Kampf ums Abgeordnetenhaus Maßnahmen für Wachstum und Wohlstand nicht zu vergessen von Holger Lunau Erste Wahl ist der Standort Wer nach der Wahl zum neuen Berliner Abgeordnetenhaus im September regieren könnte, ist Umfragen zu Folge völlig offen. Deshalb ist ein ausufernder Wahlkampf zu befürchten, bei dem Sachthemen nur die zweite Geige spielen. Aus diesem Grund haben 18 Kammern und Verbände zum Jahresende 2025 in einem gemeinsamen Appell die Politik aufgefordert, Maßnahmen für Wachstum und Wohlstand auf den Weg zu bringen, statt monatelang zu streiten. Als zentrale Handlungsfelder werden Verwaltung, Stadtentwicklung, Infrastruktur und Innovation genannt. Berlin mit seiner starken Industrie- und Wissenschaftslandschaft und einer dynamischen Gründerszene verfüge über beste Voraussetzungen als innovativer und zukunftsfester Wirtschaftsstandort, so die unterzeichnenden Verbände. Branchen wie Tourismus, Gastgewerbe, Handel und Kultur sorgten für Lebensqualität und Hunderttausende Arbeitsplätze. Allerdings würden diese Stärken durch überbordende Bürokratie, langwierige Verfahren, Vergesellschaftungsdebatten und zusätzliche Belastungen wie eine Ausbildungsplatzabgabe ausgebremst. So fordert die Wirtschaft, das Landesorganisationsgesetz konsequent umzusetzen und den Bürokratieabbau als Daueraufgabe mit verbindlichen Zielen gesetzlich zu verankern. Gesetzesentwürfe müssten vor Beschluss auf Bürokratiekosten geprüft werden. Zudem müsse wie im Nachbarland Brandenburg das Vergaberecht modernisiert werden. Bei der Stadtentwicklung braucht Berlin eine Politik, die Wohnen und Arbeiten zusammendenkt, Gewerbe- und Industrieflächen sichert und Planungs- und Genehmigungsprozesse vereinfacht und beschleunigt, heißt es. Enteignungsdebatten müssten beendet werden. Es sei stattdessen ein konsequenter Neubau-Fokus notwendig. Außerdem brauche Berlin eine Fachkräftestrategie, die Bildung, Zuwanderung und Qualifizierung systematisch verbindet und das Matching auf dem Arbeitsmarkt insgesamt verbessert. Erwartet werden wirksame Maßnahmen zur Stärkung der dualen Ausbildung und eine bessere Willkommens- und Anerkennungskultur für internationale Fachkräfte. Als weiteren Schwerpunkt nennt der Appell die Verkehrsinfrastruktur. Staus, marode Brücken, ein überlasteter ÖPNV und unzureichend angebundene Gewerbestandorte bremsten Berlin aus. Ein investitionsstarker Wirtschaftsstandort brauche zuverlässige Erreichbarkeit – innerstädtisch, in die Region und international. ■ Die Wahl im September ist wichtig, nur darf die Politik mit Blick darauf nicht ihre Aufgaben vernachlässigen Position Der Appell der Verbände und Kammern auf der IHK-Website unter: ihk.de/berlin/pm-standortpolitik FOTO: IMAGO/CHRISTIAN DITSCH AGENDA | Standortpolitik | 14 Berliner Wirtschaft 01-02 | 2026

Brücke in den deutschen Arbeitsmarkt Mit der Initiative TalentsBridge qualifiziert die IHK junge Menschen in ihrem Heimatland nach deutschen Standards. Der Auftakt heißt NAMBRIDGE und startet in Namibia I ch schreibe diese Zeilen aus Windhoek, umgeben von einem Land voller Energie und ungenutztem Potenzial. Während in Berlin über fehlende Fachkräfte und unbesetzte Stellen diskutiert wird, begegne ich hier jungen Menschen, die nichts lieber wollen, als genau das zu werden: Fachkräfte. Der Fach- und Arbeitskräftemangel ist längst kein Randthema mehr, sondern eine Wachstumsbremse. Allein in Berlin bleiben rund 58.800 Stellen unbesetzt. Gleichzeitig suchen Millionen junger Menschen in Afrika nach Chancen. Knapp die Hälfte der jungen Namibierinnen und Namibier ist ohne Arbeit. Ich habe eine Generation erlebt, die Englisch spricht, digital denkt, anpacken will. Namibia bietet stabile Strukturen, politische Unterstützung und, nicht zu vergessen, historische, sprachliche und wirtschaftliche Verbindungen zu Deutschland. Diese Realitäten gehören zusammengebracht. Mit unserer Initiative TalentsBridge qualifizieren wir junge Menschen in ihrem Heimatland nach deutschen Standards, bereiten sie sprachlich und kulturell auf den Berufsstart vor und schaffen so eine Brücke in den deutschen Arbeitsmarkt. Der Auftakt heißt NAMBRIDGE und startet hier in Namibia. In Windhoek entsteht gerade unser Ausbildungszentrum, wo hundert junge namibische Azubis ab 2026 eine hochwertige und praxisorientierte Ausbildung erhalten werden. Der Campus wird mit einer Schule, mit Werkstätten, Unternehmen und Unterkünften ausgestattet sein. Die IHK Berlin übernimmt die inhaltliche Steuerung, die Qualitätskontrolle und die Anerkennung der Abschlüsse. Das Besondere an der TalentsBridge ist für mich ihr beidseitiger Nutzen: Deutsche Unternehmen gewinnen praxisnah ausgebildete, motivierte Fachkräfte. Namibia wiederum profitiert von neuem Know-how, von Train-the-Trainer-Programmen und Investitionen in die lokale Wirtschaft. So entsteht, was wir in der Wirtschaft am liebsten haben: eine Win-win-Situation. Natürlich ersetzt dieses Modell keine nationale Fachkräftestrategie. Aber es ergänzt sie um Offenheit, Innovationsgeist und den Mut, Grenzen als Verbindung zu verstehen. Die TalentsBridge ist ein Symbol dafür, dass globale Zusammenarbeit funktionieren kann, wenn alle Seiten voneinander profitieren. Unsere Vision ist klar: Was mit dem ersten Projekt in Namibia beginnt, kann Vorbild für viele Regionen weltweit werden. Denn Bildung schafft Chancen für Menschen, für Unternehmen und für eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung. ■ Meinung In der Kolumne „Auf den Punkt“ positionieren sich im monatlichen Wechsel Mitglieder des Präsidiums zu wirtschaftspolitischen Fragestellungen aus ihrer persönlichen Sicht. präsidiumsmitglieder beziehen stellung Sebastian Stietzel ist Präsident der IHK Berlin und Geschäftsführer der Marktflagge GmbH, Management & Investments FOTO: AMIN AKHTAR Auf den Punkt | 15 Berliner Wirtschaft 01-02 | 2026

INHALT 20 Viele Ideen verbinden Architekturbüro Graft: Expo ist Motor der Transformation 22 Menschen kreativ begeistern Dan Pearlman setzt auf den Erlebnisfaktor 23 Vom Konzept aufs Gleis Bei Stadler will man zum Kiez-Lab der Expo werden 24 „Ich wünsche mir für Berlin eine Zukunfts- dekade“ Expo-2035-Ideengeber Daniel-Jan Girl im Interview Vision für Berlin Die Weltausstellung Expo 2035 soll zu den Fixpunkten einer Zukunftsdekade gehören – in einer Reihe mit Internationaler Bauausstellung, 800-Jahr-Feier und Olympischen Spielen von Jens Bartels Berliner Wirtschaft 01-02 | 2026 fokus

Das Areal des früheren Airports Tegel käme als Hauptgelände der Expo infrage B erlin in weniger als einem Jahrzehnt: Statt einer abgesperrten Messewelt wirkt die ganze Stadt wie ein begehbarer Zukunftsentwurf – an Uferwegen, auf Plätzen, in Kiezen. Henning Wehmeyer fasst dieses Bild so: „Wenn ich mir das Frühjahr 2035 vorstelle, dann fühlt sich Berlin anders an – nicht lauter oder hektischer, sondern offener, verbundener und zutiefst zuversichtlich. Die Menschen erleben keine klassische Weltausstellung, die man besucht und wieder verlässt“, so der CEO der Expo 2035 Berlin GmbH. „Sie erleben eine Stadt, die sich selbst zeigt. Überall wird spürbar, dass zehn Jahre gemeinschaftlicher Arbeit sichtbar geworden sind: in Kiezen und Nachbarschaften, die sich neu entwickelt haben, in Projekten, die aus der Zivilgesellschaft heraus entstanden sind, und in einer Atmosphäre von gemeinsamer Selbstwirksamkeit, Zugehörigkeit und Vertrauen in das eigene Gestaltungsvermögen.“ Ausgangspunkt dieser Erzählung ist eine Expo-Idee für die deutsche Hauptstadt, die Daniel-Jan Girl, damals Präsident der IHK Berlin, im Jahr 2022 im „Tagesspiegel“ skizzierte. Aus der Idee ist mittlerweile eine Bewegung geworden: Immer mehr Verantwortliche aus Politik, Wirtschaft und Stadtgesellschaft sind davon überzeugt, dass sich Berlin neu erfinden muss. Henning Wehmeyer formuliert es als Auftrag an die Gegenwart: „Unsere Stadt braucht ein neues Zukunftsnarrativ – für die Generationen, die heute hier leben, und für diejenigen, die noch kommen werden.“ 2,1 Mrd. Euro Einnahmen und Ausgaben hat das Beratungsunternehmen PwC für eine Expo in Berlin kalkuliert. » FOTOS: EXPO 2035 BERLIN Expo 2035 | 17

Und er macht klar, warum die Expo dafür mehr sein kann als ein Etikett: „Die Expo 2035 ist der Rahmen, in dem dieses Narrativ entstehen kann.“ Wie viel Wucht so ein Rahmen entfalten kann, zeigte zuletzt Osaka. Die Expo 2025 kam laut den japanischen Veranstaltern auf mehr als 29 Millionen Besuche, finanziell rechnet die zuständige Organisation mit einem Überschuss von bis zu 201 Mio. Euro. Sebastian Stietzel zieht daraus eine klare Schlussfolgerung. „Die Expo in Osaka hat eindrucksvoll gezeigt, welches Potenzial eine Weltausstellung für eine Metropole entfalten kann: Sie ist nicht nur ein internationales Schaufenster für Innovationen, sondern ein Motor für Stadtentwicklung, Infrastruktur, Wirtschaft und gesellschaftlichen Zusammenhalt“, betont der Präsident der IHK Berlin. „Genau das braucht Berlin.“ Zukunftsdekade als strategischer Rahmen Der Berliner Ansatz setzt deshalb nicht nur auf ein Jahr, sondern auf eine ganze Zukunftsdekade. In dieser Logik wird die Expo zum Fixpunkt in einer Serie von Anlässen, die Investitionen, Bauvorhaben und internationale Aufmerksamkeit bündeln: IBA 2034–2037, Expo 2035, 800-Jahr-Feier Berlins (2037) und nicht zuletzt Olympische und Paralympische Spiele 2040 oder 2044. Stietzel beschreibt den Nutzen dieses Langlaufs so: „Eine Zukunftsdekade setzt einen strategischen Rahmen, der Investitionen bündelt, Planungssicherheit schafft und nachhaltige Wertschöpfung ermöglicht.“ Und ergänzt: „Internationale Großveranstaltungen können Fixpunkte einer solchen Dekade sein – als Zielmarken, auf die Infrastrukturprojekte, Innovationsprogramme, Fachkräfteentwicklung und internationale Partnerschaften ausgerichtet werden.“ Für Unternehmen bedeutet so ein Szenario verlässliche Perspektiven, bessere Wachstumsbedingungen und für die Stadt insgesamt eine klare wirtschaftspolitische Vision. „Statt punktueller Leuchttürme braucht Berlin einen langfristigen Entwicklungspfad“, ist der IHK-Präsident überzeugt. Auch die Medien-, Kreativ- und Digitalwirtschaft sieht den Reiz in der Kette der Ereignisse. Jeannine Koch vom Medianet Berlinbrandenburg sagt: „All die Veranstaltungen im Zeitraum dieser Zukunftsdekade wirken in ihrer Gesamtheit wie Meilensteine für unsere Hauptstadt. Ich betrachte sie als Einladung, das Morgen dieser Stadt bewusst zu gestalten, die Region nachhaltig weiterzuentwickeln und ein neues Berlin-Wir-Gefühl zu kreieren.“ Und sie bringt den Vorteil für Branchen wie ihre auf eine praktische Formel: „Für die Wirtschaft, insbesondere für kreative, digitale und mediale Branchen, bedeutet das planbare Auftragsvolumen, langfristige Netzwerke und Innovationsimpulse über viele Jahre hinweg.“ Damit aus der Vision Weltausstellung konkrete Stadträume werden, wird bereits über eine Architektur der Orte nachgedacht: Expo-Hauptgelände und -Satelliten, Kiez-Labs sowie Global Solutions Hub als digitale Plattform – also Berlin als Stadt-Pavillon plus virtuelle Expo-Ebene. Für das Hauptgelände sind das Areal des Ex-Airports Tegel, Flächen am BER und der CleanTech Business Park Marzahn im Gespräch. Als Satelliten werden ICC, Flughafen Tempelhof und Funkhaus Nalepastraße genannt, ergänzt um mehrere Hundert kleine Pavillons in der ganzen Stadt. Für Rudi Scheuermann, Berliner Büroleiter des internationalen Planungsbüros Arup, ist klar: „Es muss immer das Ziel sein, dass die Bevölkerung am Ende einen Nutzen hat.“ Fachleute von Arup befassen sich seit Langem intensiv mit der Infrastruktur Olympischer Spiele und ihrer Nachnutzung, unter anderem bei den Sommerspielen 2012 in London. Auch für die Spiele 2032 im australischen Brisbane sind die Planer beauftragt. Gerade auf dem rund 500 Hektar großen Areal in Tegel mit der seit fast 15 Jahren geplanten Urban Tech Republic, dem Schumacher-Quartier und einem Landschaftsschutzgebiet sieht Scheuermann eine hervorragende Grundlage für ein Expo-Hauptgelände, inklusive Plaza und zentralen Länderpavillons, weil es schon eine Menge Vorarbeit gibt. „Auch die Synergieeffekte für weitere Großveranstaltungen wie die Olympischen Spiele sind auf dem Tegel-Areal im Norden Berlins sehr, sehr groß.“ Dimitri Kerkentzes Generalsekretär Bureau International des Expositions Die Berliner Bürger müssen eine Expo wollen. Alles andere wird sich finden. Die ganze Stadt eine Expo: Hunderte von Pavillons sollen die Weltausstellung dezentral gestalten 30 Mio. Besucher werden laut einer Prognose von PwC zur sechsmonatigen Weltausstellung in Berlin erwartet. FOTOS: EXPO 2035 BERLIN, IMAGO/KYODO NEWS, IHK BERLIN/AMIN AKHTAR FOKUS | Expo 2035 | 18 Berliner Wirtschaft 01-02 | 2026

Und der Business Case? Eine eigens für die Expo 2035 erstellte PwC-Kalkulation geht von 30 Millionen Besuchern in sechs Monaten aus, einem Tagesticket für 39 Euro (ermäßigt 10) und einer Saisonkarte für zehn Besuche für 174 Euro. Allein über Tickets wird eine Mrd. Euro an Einnahmen erwartet. Insgesamt liegen Einnahmen und direkte Ausgaben laut der Kalkulation von PwC jeweils bei rund 2,1 Mrd. Euro. Für Berlin ergibt sich aus einer Expo ein Plus bei der Wirtschaftskraft von fast zehn Mrd. Euro. Genannt werden zudem Wachstumseffekte von 22 Mrd. Euro für Deutschland, mehr als drei Mrd. Euro für den ÖPNV-Ausbau, aber auch ein Vorfinanzierungsbedarf von fast 1,2 Mrd. Euro. PwC orientiert sich bei der Kalkulation an früheren Expo-Ausgaben in Shanghai (2010), Mailand (2015) und Dubai (2020). Expo nach internationalen Spielregeln Ob daraus eine Bewerbung wird, entscheidet am Ende aber nicht nur der finanzielle Vorteil oder die Begeisterung, sondern auch die internationalen Spielregeln. Zuständig dafür ist das Bureau International des Expositions (BIE). Dimitri Kerkentzes, Generalsekretär des BIE, macht deutlich, worauf es ankommt: „Deutschland mit seiner unverwechselbaren Geschichte, Kultur, Wissenschaft und künstlerischen Exzellenz ist immer ein natürlicher und ernst zu nehmender Partner, um sich für eine Expo zu bewerben.“ Fest steht für ihn: Eine Bewerbung ist dann stark, wenn sie eine gemeinsame Vision formuliert, die von der Begeisterung der Stadtgesellschaft getragen wird. „Kurz gesagt: Die Berliner Bürger müssen auch eine Expo wollen“, so Kerkentzes. „Alles andere wird sich finden.“ Dass eine Kandidatur formal nur von einer nationalen Regierung eingereicht werden kann – und im Berliner Fall frühestens ab Sommer 2026 –, setzt dem Zeitplan eine klare Klammer. Mit den drängenden Fragen unserer Zeit beschäftigt sich auch in diesem Jahr die IHK Berlin. Wie bleiben Metropolen widerstandsfähig angesichts Klimawandel, Verkehrszunahme, Wohnungsnot und Flächenknappheit? Welche Visionen treiben die Städte von morgen – und wo ist Berlin selbst Vorreiter? Was lässt sich von internationalen Best Practices lernen? Beim Stadt- entwicklungskongress 2026 der IHK Berlin am 28. Januar 2026 diskutierte Politik, Wirtschaft und Stadtgesellschaft im Ludwig Erhard Haus über Lösungen für Verkehr, Wohnen und Stadtentwicklung. Das Event markiert den Start in ein Jahr, in dem die IHK Berlin mit vielen weiteren Veranstaltungen Zukunftsthemen vorantreibt. Wenn aus den Diskussionen der nächsten Monate konkrete Pilotprojekte werden, kann Berlin schon vor 2035 beweisen, wie eine Zukunftsdekade funktioniert – Schritt für Schritt, Kiez für Kiez. ■ 1,2 Mrd. Euro Vorfinanzierungs- bedarf hätte die Expo nach Berechnungen von PwC. 10 Mrd. Euro Plus bei der Wirtschaftskraft brächte eine Expo Berlin. Sebastian Stietzel Präsident IHK Berlin Statt punktueller Leuchttürme braucht Berlin einen langfristigen Entwicklungspfad. Peter Rau, IHK-Public-Affairs- Manager Stadtentwicklung Tel.: 030 / 315 10-608 peter.rau@berlin.ihk.de Zukunft gestalten Die IHK Berlin ist dabei, wenn es darum geht, Innovationen zu fördern und Potenziale zu erschließen. Initiativen und Termine unter: ihk.de/berlin/weltmetropole-berlin Expo 2035 | 19 Berliner Wirtschaft 01-02 | 2026

Thomas Willemeit ist Mitgründer und Geschäftsführer des Architekturbüros Graft Wir brauchen Experimentier- freude und ein Bekenntnis dazu, dass Berlin ein Labor für die Zukunft ist. Thomas Willemeit FOKUS | Expo 2035 | 20

Graft gehört zu den Berliner Architekturbüros, die man an einer Mischung aus Haltung und Handschrift erkennt: international aufgestellt, aber mit einem klaren Blick auf die Stadt. Gegründet 1998 in Los Angeles, arbeitet das Team um Lars Krückeberg, Wolfram Putz und Thomas Willemeit heute vom Hauptsitz in Berlin aus in Disziplinen von Städtebau über Architektur bis zu Innenarchitektur und Design. Diese Grenzen aufzulösen, ist Teil der DNA. Willemeit beschreibt das Erfolgsprinzip so: „Uns interessiert das Verbinden vieler guter Ideen zu einem holistischen Ganzen.“ Und genau dieser ganzheitliche Ansatz ist der Punkt, an dem die Expo-2035-Idee nach Überzeugung von Willemeit auch für Berlin spannend wird: als Motor, der nicht nur einzelne Landmarken setzt, sondern Orte und Infrastrukturen sinnvoll miteinander verknüpft. „Die große Leistung der Expo-2035-Initiative besteht darin, die schon bestehenden Ansätze und Initiativen aus Berlin sichtbar zu machen und als Ausgangspunkt zu nehmen, um mehr Selbstbewusstsein für eine engagierte Transformation der Stadt in die Zukunft zu entfachen“, betont der Graft-Mitgründer. „Das, was wir im Hinblick auf eine nachhaltige und bessere urbane Umgebung sowieso tun müssen, kann so fokussiert und mit dem Ziel der Sichtbarkeit im Ausstellungsjahr 2035 mit zusätzlichem Elan und unterstützender Energie ausgestattet werden.“ Gleichzeitig wird er sehr konkret, wo die Hauptstadt Möglichkeiten liegen lässt. „Es gibt unfassbar viele Potenziale in der Stadt, die Transformation der beiden ehemaligen Flughäfen Tegel und Tempelhof, schlafende Riesen wie das ICC und das Flughafengebäude Tempelhof, Entwicklungsareale entlang des Spree-Oberlaufs in Richtung Süden und nicht zuletzt der Flughafen BER.“ Hinzu kommt die Anbindung an die umgebenden Kommunen und Städte in Brandenburg. Zwischen diesen Punkten könnte eine Expo wie ein Beschleuniger wirken, nicht als Einheitsbild, sondern als Klammer, die Berlins Vielfalt nutzbar macht. „Wir erhoffen uns als Architekten eine neue Haltung des Ermöglichens in der Stadt.“ Dabei geht es nicht um Architektur als glänzende Hülle, sondern um sozial verantwortliche Räume, die Teilhabe ermöglichen und Wandel aushalten. Willemeit erinnert daran, wie sehr Bauen unsere Vorstellung von Stadt prägt: „Architektur und Städtebau spiegeln direkt unsere Weltanschauungen und Auffassungen vom Zusammenleben wider.“ Die Nach-Wendezeiten, in denen an jeder Ecke der Stadt alles möglich schien und die Stadt sich permanent selbst neu erfunden hat, sind allerdings verdrängt vom Ringen um Machbarkeit und die geringer werdenden Lücken in der Stadt. Gleichzeitig verändern sich Stadtquartiere durch Attraktivität und Alterung ihrer Bewohner. Vor diesem Hintergrund müsse Urbanität als dynamischer Lebensraum neu erfunden werden. „Wir brauchen weniger Regularien und Begrenzungen, mehr Experimentierfreude und ein Bekenntnis dazu, dass Berlin auch ein Labor für die Zukunft ist“, fordert er. „Lösungsansätze gibt es zuhauf.“ Praxisbeispiel Mobilität Ein Beispiel, wie Zukunft in der Praxis aussehen könnte, liefert die Mobilität. Thomas Willemeit spannt dabei den Bogen über die Stadtgrenzen hinaus: „Der Erfolg von großen Metropolen und ihrer eigenen Wandlungsfähigkeit hängt heute auch an der Vernetzung mit anderen urbanen Ballungsräumen.“ Hier setzt der Vordenker auf neue Technologien. „Der Hyperloop und Magnetschwebetechnik im Allgemeinen werden eine gute Alternative zu Kurzstreckenflügen bieten und damit nachhaltig zur besseren Vernetzung der Städte beitragen.“ Während Hyperloop-Systeme in Europa zwar als strategisch relevant diskutiert werden, aber noch vor Hürden bei Business Case und Regulierung stehen, zeigt die Magnetschwebetechnik mit kommerziellem Betrieb wie in Shanghai schon heute, was möglich ist. Für Berlin wäre das die eigentliche Expo-Visitenkarte: nicht Zukunft versprechen, sondern verknüpfen – sichtbar im Stadtraum und spürbar im Alltag. ■ Das Architekturbüro Graft sieht die Expo als Motor der Transformation für Berlin. Die Potenziale sind da, das Event macht sie sichtbar Viele Ideen verbinden Gut vernetzt Der QR-Code führt zum Unternehmer auf LinkedIn: FOTO: MARIO HELLER Expo 2035 | 21 Berliner Wirtschaft 01-02 | 2026

Wenn Berlin Menschen für Zukunft begeistert, dann über Erlebnisse, die hängen bleiben. Darin liegt die Stärke der Kreativ- und Veranstaltungsbranche: Sie macht aus abstrakten Debatten Bilder, Räume und Momente, die Orientierung geben und Lust aufs Mitmachen wecken. „Zahlen, Fakten und Diagramme sind wichtig – sie erreichen aber oft nur den Kopf“, weiß Nicole Srock.Stanley. „Erlebnisarchitektur und Storytelling sprechen dagegen zusätzlich die emotionale Ebene an: Sie schaffen einen Zugang über Neugier, Staunen und persönliche Bewusstwerdung“, fügt die Mitgründerin der Dan Pearlman Group und CEO der Dan Pearlman Markenarchitektur GmbH hinzu. In der Praxis zeigt die Berliner Gruppe aus inhabergeführten Agenturen das immer wieder – von der aktuellen Polar Experience bis zum Panda Garden im Berliner Zoo und dem „Living Tree“ im Hotel Radisson. So werden Orte durch kreative Konzepte und strategische Planung zu besonderen Zielen, die Menschen anziehen, begeistern und zum Verweilen einladen. Genau dieses Know-how kann nach Überzeugung von Srock.Stanley auch die Grundlage für eine Expo in Berlin sein. Berlin hätte damit ein Format, das drängende Zukunftsfragen im Maßstab 1:1 erlebbar macht. „Fakt ist: Städte weltweit müssen sich ähnlichen Herausforderungen stellen, von Mobilität über Klimaanpassung bis hin zu sozialem Miteinander“, sagt die Unternehmerin. „Mit der Expo im Visier brauchen die gestellten Fragen Antworten mit einer klaren Deadline: bis 2035!“ Damit öffnet sich für die Kreativ- und Veranstaltungsbranche ein mehrjähriger Auftragskorridor – von Konzeption und Storytelling über Szenografie, digitale Interaktion und Beteiligungsformate bis zur Produktion. Eine dezentrale Erlebnis-Expo macht Berlin zum realen Labor für Zukunftsfragen. „Für die Stadtentwicklung bedeutet das: nicht Visionen auf Papier, sondern erlebbare Lösungen im Stadtraum“, so Srock.Stanley. „Für die Kreativbranche heißt das, die passenden Ideen zu produzieren.“ Damit entsteht ein Innovationsraum mit Strahlkraft für Berlin und weit darüber hinaus. Die Hauptstadt könnte sich neu positionieren: als lernende, lebenswerte Stadt, die Transformation gemeinsam mit ihren Bürgern gestaltet – sichtbar, mutig und exportierbar. Nicole Srock.Stanley bringt ihre eigene Motivation für die Expo in Berlin so auf den Punkt: „Wenn wir es schaffen, die Menschen mitzunehmen, ihnen Gestaltungsmacht zu geben und Zukunft positiv erlebbar zu machen, dann lohnt sich jedes Engagement.“ ■ Nicole Srock.Stanley ist Mitgründerin der Dan Pearlman Group und CEO der Dan Pearlman Markenarchitektur GmbH Gut vernetzt Die Unternehmerin auf LinkedIn unter dem QR-Code: Bei Dan Pearlman setzt man auf Erlebnisarchitektur und Storytelling für komplexe Zukunftsthemen. Bei der Expo könnte Berlin sich als Innovationsraum präsentieren Menschen kreativ begeistern Nicole Srock.Stanley Für die Stadtentwicklung bedeutet das: erlebbare Lösungen im Stadtraum. FOTOS: AMIN AKHTAR, MILOS DJURIC Berliner Wirtschaft 01-02 | 2026 FOKUS | Expo 2035 | 22

Jure Mikolčić ist CEO der Stadler- Division in Deutschland. Der Schienenfahrzeughersteller sitzt in Berlin-Pankow B erlin hat im Rahmen der Zukunftsdekade von 2034–2044 mit einer möglichen Expo 2035 und weiteren Fixpunkten das Zeug, weltweit zu zeigen, wie urbane Transformation gelingt. Für Stadler in Berlin-Pankow wäre das ein idealer Resonanzraum, weil nachhaltige Mobilität im Alltag an Sichtbarkeit gewinnt. „Nachhaltigkeit ist längst kein ,Niceto-have‘ mehr, sondern ein echter Erfolgsfaktor“, betont Jure Mikolčić. Der CEO der Stadler-Division in Deutschland verbindet das mit klaren Erwartungen an die Hauptstadt: „Damit nachhaltige Lösungen schneller zur Standardwahl werden, wünsche ich mir in Berlin weniger Bürokratie und ein schnelles Voranschreiten bei der Etablierung eines neuen Mindsets in der Verwaltung.“ Fest steht für Mikolčić dabei: Unternehmen sind keine Bittsteller, sondern Partner für die Transformation. Die Zukunftsdekade ist die Einladung, der Alltag ist der Härtetest: Ob Berlin 2035 wirklich klimafreundlicher unterwegs ist, entscheidet sich im Betrieb. „Hierbei führt kein Weg an einer massiven Verlagerung auf einen leistungsfähigen ÖPNV und die Schiene vorbei“, ist sich der CEO sicher. Moderne Fahrzeugkonzepte, vernetzte Instandhaltung, digitale Lösungen für Pünktlichkeit und Fahrgastinformation – all das zahlt nur dann ein, wenn es im Betrieb zuverlässig zusammenspielt. Hier sieht Stadler seine Rolle als Industriepartner für den Alltagstransfer: „Aus Berlin-Pankow heraus tragen wir dazu bei, indem wir Fahrzeuge und Services liefern, die den Umstieg vom Auto auf die Bahn im Alltag ,einfacher‘ machen als bisher“, so Mikolčić. „Denn am Ende müssen wir den Autofahrer überzeugen, dass die Bahn nicht nur ökologisch, sondern auch komfortabel und zuverlässig die bessere Wahl ist.“ Bringt Berlin tatsächlich die Expo-Idee in die Fläche, kann Pankow mehr sein als Produktionsstandort: ein „Kiez-Lab“ der Industrie – transparent, bildungsnah, offen für Austausch und als Türöffner für Nachwuchs. „Die Expo-2035-Idee, Kiez-Labs statt einer zentralen Messe zu schaffen, schließt die Stadt auf“, ist der Manager überzeugt. „In Pankow könnten wir als Stadler konkrete Showcases öffnen, die zeigen, wie unsere nachhaltigen Produkte entwickelt und gefertigt werden – vom Konzept über die industrielle Umsetzung bis zur einsatzbereiten Lösung auf der Schiene.“ Sollen solche industrienahen Kiez‑Labs dauerhaft funktionieren, braucht es nach Meinung von Jure Mikolčić vereinfachte Genehmigungen, schlanke IT‑Vorgaben und passgenaue Förderprogramme für Bildungskooperationen – sowie bezahlbaren Wohnraum für Fachkräfte, damit Berlin als Industriestandort attraktiv bleibt. ■ Gut vernetzt Der QR-Code führt zum Manager auf LinkedIn: Der Hersteller von Schienenfahrzeugen Stadler in Pankow sieht in einer dezentralen Expo Chancen für Berlins Industrie Vom Konzept aufs Gleis Jure Mikolčić Die Expo-2035-Idee, Kiez-Labs statt einer zentralen Messe zu schaffen, schließt die Stadt auf. Expo 2035 | 23 Berliner Wirtschaft 01-02 | 2026

Daniel-Jan Girl Vorstandsvorsitzender Ehrenamtlich engagiert sich Daniel-Jan Girl als Vorstandsvorsitzender des Vereins Global Goals for Berlin sowie als Aufsichtsratsvorsitzender der Expo 2035 Berlin GmbH für die Expo 2035 in Berlin. Von September 2021 bis Juni 2022 war er Präsident der IHK Berlin. Er hat mehrere Firmen gegründet. Unter anderem ist er CEO der DGMK Deutsche Gesellschaft für multimediale Kundenbindungs- systeme mbH. Die Bewerbungen für die Austragung der Expo 2035 müssen in diesem Jahr beim Buereau International des Expositions (BIE) eingereicht werden. Daniel-Jan Girl plädiert als Aufsichtsratsvorsitzender der Expo 2035 Berlin GmbH dafür, dass Berlin diese einzigartige Chance nutzt. Für die Bundeshauptstadt kann das aus seiner Sicht aus zahlreichen Gründen ein gewaltiger Entwicklungsschritt nach vorn sein. Berliner Wirtschaft: Sie engagieren sich seit Jahren hartnäckig für die Austragung der Expo 2035 in Berlin. Warum eigentlich? Daniel-Jan Girl: Ich mache das ehrenamtlich und aus voller Überzeugung für meine Stadt. Ich bin Berliner und glaube, dass vom unglaublichen Potenzial dieser Stadt nur ein Teil abgerufen wird. Eine so große Veranstaltung wie die Expo, die über politische Legislaturen hinausgeht, bietet die Chance, mit vielen ganz unterschiedlichen Kräften gemeinsam ein Projekt voranzutreiben, das für die Zukunftsfähigkeit Berlins entscheidend ist. Ich bin überzeugt, dass die Expo das beste Format dafür ist, weil sie alle Bereiche der Stadt einbinden kann. Deshalb kämpfe ich dafür – und wir sind inzwischen sehr viele. Der Senat hält aber eine Bewerbung für die Olympischen Spiele für wichtiger. Der Regierende Bürgermeister hat eine legitime politische Priorisierung vorgenommen. Das Konzept für die Expo 2035 in Berlin ist ja schon fertig, es trägt sich selbst und kommt aus der Breite der Stadtgesellschaft. Ich wünsche mir für Berlin eine Zukunftsdekade, in der idealerweise drei Großveranstaltungen ausgetragen werden – neben der Expo und den Olympischen Spielen auch die Internationale Bauausstellung. Um die Bewerbung für die Olympischen Spiele besteht aber ein harter innerdeutscher Konkurrenzkampf, und dann folgt der Wettbewerb auf internationaler Ebene. Wenn die Politik die Chancen aufrechterhalten will, muss sie jetzt etwas tun. Gibt es nicht auch für die Expo viel zu tun? Natürlich, aber wir haben bereits unsere Hauaufgaben gemacht: ein revolutionäres Konzept, das die gesamte Stadt involviert und die Expo vor allem als Transformationsprozess der nächsten Jahre versteht – wir wollen unseren Standort jetzt selbst wettbewerbsfähig machen. Außerdem gibt es in Deutschland neben Berlin keine weiteren Bewerber und offenbar auch in ganz Europa noch nicht. Unsere asiatischen Konkurrenten haben höchstwahrscheinlich schlechtere Chancen, weil die letzten drei Expos bereits in Asien waren. Berlin hat also beste Aussichten, die Expo 2035 zu bekommen. Könnte es die Stadt nicht auch überfordern, drei so große Events in einer Dekade auszutragen? Im Gegenteil. Die drei Events ergänzen sich sehr gut und bauen aufeinander auf, inhaltlich und zeit- „Ich wünsche mir für Berlin eine Zukunftsdekade“ Daniel-Jan Girl engagiert sich seit Jahren mit voller Leidenschaft für die Austragung der Expo 2035 in Berlin. Er sieht beste Chancen für die Stadt, den Zuschlag vom BIE zu erhalten von Michael Gneuss » FOTO: AMIN AKHTAR FOKUS | Expo 2035 | 24 Berliner Wirtschaft 01-02 | 2026

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